Esskultur: Wie viel Fast Food verträgt der Mensch?

Quelle: Westdeutsche Zeitung, 21. September 2007

Kochkurse und Bioprodukte boomen. Aber der Markt für Fertiggerichte wächst trotzdem. Widersprüchen auf der Spur.

Kochbücher gibt es mehr denn je, geordnet nach Themen, Ländern oder Schwierigkeitsgrad. Koch-Shows, Kochkurse, Erlebnisrestaurants und Gourmetreisen boomen wie nie.

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Doch gleichzeitig wird der Niedergang der Esskultur beklagt: Kaum jemand kocht noch frisch, viele reißen nur die Tüte mit der fertigen Reispfanne auf, schieben die Tiefkühlpizza in den Ofen – und fertig ist das Abendessen.

„Wir erleben eine Aufspaltung in Versorgungsküche und Erlebnisküche“, sagt Gunther Hirschfelder, Privatdozent für Volkskunde an der Uni Bonn: „Die Versorgungsküche wird immer einfacher und anspruchsloser, die Erlebnisküche wird als etwas Besonderes zelebriert.“
Immer häufiger greifen wir zu fertig verpacktem Essen
In der Tat bestätigen die Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), dass immer mehr Fast Food und Convenience Food gekauft wird, also schnelles und bequemes, fertig verpacktes Essen.

Der Markt wuchs von 2002 bis 2006 um fast 40 Prozent, und seit Ende der neunziger Jahre bilden laut GfK „unkritische Fast-Food-Konsumenten“ die größte Gruppe, nämlich mittlerweile schon 30 Prozent der Bevölkerung. Nur noch zehn Prozent kochen traditionell – 1992 war das mit 28 Prozent noch die größte Gruppe.

Dass Essen und Trinken für die meisten Leute im Alltag zur Nebensache geworden ist, konstatiert auch die Studie „Food-Styles“ des Zukunftsinstituts von Matthias Horx: „Ein Snack zwischen zwei Terminen oder während der Tagesschau, eine Pizza in der Besprechung oder neben dem Check der aktuellen Mails ist oft die Regel“, schreiben die Trendforscherinnen Anja Kirig und Hanni Rützler.

Ein Viertel aller Bundesbürger isst täglich außer Haus, wie aus dem Familienbericht der Bundesregierung von 2006 hervorgeht. Die Zahl hat sich damit im Vergleich zu 1990 mehr als verdoppelt. Und wer zu Hause isst, kocht eben noch lange nicht selbst: Nach Zahlen des Deutschen Tiefkühlinstituts kletterte der Absatz von Tiefkühlpizzas in den vergangenen zehn Jahren von 116 000 auf 245 000 Tonnen.
Das sei bedenklich, kritisiert Hirschfelder. Der Bonner Wissenschaftler beleuchtet Essen und Trinken aus historischer und gegenwärtiger Perspektive. Durch die Auflösung der Familienstrukturen verliere Essen seinen Wert und seinen Faktor als Zeiteinteilung.

„Wenn Essen aber keine Orientierung mehr bietet, sondern wahllos geschieht oder als Frustrationsbekämpfung, kommt man schnell in die Spirale zur Fettleibigkeit.“ Hirschfelder mahnt, Diäten und theoretische Ernährungsaufklärung seien sinnlos. „Wir müssen an die Kinder und Jugendlichen ran. Sie müssen in Schule und Kindergarten mitkochen.“

Denn von den Eltern lernen sie es nur noch selten. Unter der Woche nehmen sich immer weniger Menschen die Zeit, lange zu kochen. Dabei lässt sich eine Familie mit einem Wirsing vom Markt viel preiswerter beköstigen als mit Fertiggerichten. Doch das Wissen über die Grundlagen von Lebensmitteln bricht weg. Gerade viele Jüngere wissen nicht, wann welches Obst Saison hat und wann welches Gemüse.

Ein klarer Kompetenzverlust, kritisiert Isabelle Keller, Ernährungswissenschaftlerin und Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: „Anders als früher auf dem heimischen Feld steht heute im Supermarkt alles das ganze Jahr zur Verfügung. Vor allem bei Kindern muss das Bewusstsein für Nahrungsmittel deshalb wieder neu gefördert werden.“

Das könne aber eine Schule nicht alleine leisten: „Die Vorbildfunktion der Eltern ist ganz wichtig. Wer sich Zeit nimmt und die Kinder mithelfen lässt bei Einkauf und Zubereitung, wird sehen, dass auch ein Salat dann viel eher gegessen wird.“

In diesem Dilemma kann Convenience-Food durchaus eine Lösung sein. Denn der Begriff des „bequemen Essens“ umfasst nicht nur Konserven, Instantsuppen oder Tiefkühlpizzas, sondern auch vorgeschnittenen Salat, gefrorenes Gemüse oder Tiefkühlfleisch.

Gänzlich ungesund sind die Fertiggerichte also nicht. Es gilt nur, auf der „Convenience-Leiter“ herunterzuklettern und zum Beispiel keine fettreiche Salamipizza zu nehmen, sondern nur einen fertigen Teig und den selbst mit Gemüse zu belegen.

„Convenience-Produkte sind im Durchschnitt energie- und fettreicher als frische Lebensmittel“, sagt Ute Alexy vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. Auch enthielten Fertiggerichte viele Geschmacksverstärker und Aromastoffe. In 90 Prozent aller Haushalte käme an mindestens einem von drei Tagen ein Convenience-Produkt auf den Tisch.

Bio-Ware und Lebensmittel aus der Region
Es gibt aber auch einen gegenläufigen Trend: Die Gesellschaft für Konsumforschung spricht von der „Wiederentdeckung der Qualität“. Denn trotz der Dominanz des Fast Food sind Bio-Produkte und fair gehandelte Waren stark im Kommen.

„Bio-Produkte haben dynamische Wachstumsraten, allein im ersten Quartal dieses Jahres waren es 23 Prozent Plus, mehr als im gesamten Vorjahr mit 17 Prozent,“ ermittelte die GfK. Faire Ware kam 2006 sogar auf einen Zuwachs von 31 Prozent.

Matthias Horx prognostiziert nicht nur der Bio-Ware, sondern vor allem regionalen Lebensmitteln rosige Aussichten: Das neue Bedürfnis nach der Region ist die Gegenbewegung zur Globalisierung. Genussvolles Essen wird demnach der Luxusmarkt der Zukunft. Zumindest für die, die es sich leisten können.

Ausgewogen essen
Ernährung Es gibt ein einfaches Grundgerüst für eine gesunde Ernährung: Nicht zu viel Fettes und Zuckerhaltiges, häufiger Vollwert und Vitaminreiches. Und lieber auf fünf kleinere Portionen verteilt, als sich jeden Abend so richtig den Bauch zu füllen. Pommes, Kekse, Bratwurst und Süßzeug gibt es selten, Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und Milch dagegen jeden Tag.

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