Der türkische Markt für Bioprodukte wächst

Quelle: bfai, Februar 2008

Regionale Förderung für ökologischen Anbau / Von Marcus Knupp

Mit den Methoden ökologischer Landwirtschaft hergestellte Produkte gewinnen auch in der Türkei langsam an Boden. Zwar behindern bürokratische Genehmigungsverfahren und eine bislang fehlende einheitliche Kennzeichnung noch den Marktzugang und die Markttransparenz. Wachsendes Bewusstsein zumindest bei den großstädtischen Kunden führt aber dennoch zu einer schrittweisen Ausweitung des Angebots von Bioprodukten. Weiter entwickelt ist die exportorientierte organische Landwirtschaft. (Kontaktanschriften)

Auf einer Konferenz zum Thema Bioprodukte, die im Januar 2008 in Izmir stattfand, definierten Vertreter der Branche Zielwerte für das Jahr 2012. Demnach soll der Anteil der nach den Regeln des organischen Landbaus bewirtschafteten Flächen in der Türkei von derzeit 0,8% auf 3% steigen. Für die Inlandsnachfrage erhoffen sich die Konferenzteilnehmer ein Anwachsen von aktuell lediglich 5 Mio. US$ auf mindestens das Zehnfache.

Viel wichtiger ist für die Branche jedoch der Export. Ausgehend von etwa 150 Mio. US$ sollen die Ausfuhren von Bioprodukten bis 2012 ein Volumen von 1 Mrd. US$ erreichen. In den zehn Jahren zwischen 1996 und 2006 ist die Zahl der Biobauern in der Türkei von 1.947 auf 14.256 gestiegen. Die von ihnen bebaute landwirtschaftliche Nutzfläche hat im selben Zeitraum um das 28-fache auf 192.789 ha zugenommen, die Erntemenge von etwa 10.000 t auf 458.000 t.

Mit Unterstützung der Stadtverwaltung Izmir beginnt 2008 eine auf zwei Jahre angelegte Pilotphase zur Förderung ökologischer Landwirtschaft im Umland der Ägäisstadt. An dem gemeinsam mit der Provinzdirektion für Landwirtschaft, der Ägäisuniversität und Verband für ökologische Landwirtschaft (Ekolojik Tarim Organizasyonu Dernegi, ETO) entwickelten Programm nehmen in 32 Gemeinden insgesamt rund 500 Produzenten teil. Auf etwa 10.000 Dönüm (9.200 ha) bauen sie Weintrauben, Oliven, sowie verschiedene Obst- und Gemüsesorten an.

Nach erfolgreicher Umstellung der Anbaumethoden sollen nach zwei Jahren die ersten Zertifikate für ökologischen Landbau vergeben werden. Die wichtigsten Absatzmärkte liegen in den Großstädten wie Izmir, Istanbul, Bursa oder Ankara, wo mittlerweile etliche besser sortierte Supermärkte über Regale mit Bioprodukten verfügen. Zwar müsse man die Produkte etwas teurer anbieten als konventionell angebaute Ware, da sie aber besser schmeckten als jene, erwarten die am Programm teilnehmenden Landwirte keine Absatzprobleme.

Auch immer mehr große Hersteller nehmen entsprechende Produkte in ihr Programm auf. Die Yasar Holding beispielsweise bietet seit Jahresbeginn 2008 unter der Markte Pinar eine „organik“ Milch an. Der Konkurrent Dogan Organik will noch in diesem Jahr mit einem entsprechenden Produkt folgen. Eine erste Bio-Baby-Nahrung hat die Ülker-Gruppe unter der Marke Hero Baby auf den Markt gebracht. Der Käsehersteller Akgünes Gida startet mit einem ersten in der Türkei produzierten Biokäse unter dem Markennamen Özay Organik.

Auch das im thrakischen Lüleburgaz ansässige Molkereiunternehmen Eray Gida plant, ab 2009 Bio-Ziegenkäse herzustellen. Aus der den EU-Normen (92/46/EEC) entsprechenden Milcherzeugung des 2003 gegründeten Betriebs sollen dazu rund 5 t täglich verwendet werden. Die Umsetzung des Projekts will Eray Gida mit Gründung einer Fachschule für Milchwirtschaft begleiten. Wichtigster Absatzkanal ist die Zusammenarbeit mit der Metro-Gruppe in der Türkei und das Angebot des Bio-Käses in deren Real-Verbrauchermärkten am Bosporus, daneben denkt Eray Gida auch an den Export.

Die Großbäckerei Istanbul Halk Ekmek (IHE), die in ihren drei Fabriken circa 10% des in der türkischen Metropole konsumierten Brotes herstellt, hat in einem 2005 begonnenen Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit 1.500 Ökobauern biologisch hergestelltes Brot in ihr Programm aufgenommen. Sie ist Zeitungsberichten zufolge mit Kunden in Deutschland im Gespräch, Erzeugnisse der am Projekt beteiligten Landwirte dorthin zu exportieren. Das Unternehmen will außerdem die Vermarktung von Bioprodukten in vier „Biobazaren“ in wohlhabenderen Istanbuler Stadtteilen fördern.

Der erste Straßenmarkt, auf dem ausschließlich Bioprodukte angeboten werden, entstand Mitte 2006 im Istanbuler Stadtteil Sisli. Initiatoren waren die Bezirksverwaltung Sisli und der Verband zur Förderung eines ökologischen Lebens Bugday. Auch in anderen Großstädten der Türkei wie Ankara, Bursa, Eskisehir, Samsun und Izmir hat die Nachfrage nach Bio-Produkten deutlich zugenommen, sagt der Projektkoordinator von Bugday, Batur Sehirlioglu. Noch 2008 will der Verband zwei weitere Bio-Märkte in Samsun und in Antalya ins Leben rufen.

Ein Problem ist die noch unzureichende Normung für Bio-Produkte in der Türkei. Mit dem zunehmenden Interesse der Konsumenten an entsprechenden Erzeugnissen hat auch die Zahl der Aufdrucke auf Produkten wie zum Beispiel Yoghurt zugenommen, die die Ware als „natürlich“, „100% natural“ oder ähnlich anpreisen. Ohne verbindlichen Standard zur Kennzeichnung ist für die Kunden schwer zu erkennen, wann es sich tatsächlich um ein ökologisch hergestelltes Produkt handelt. Sehirlioglu hebt daher die Notwendigkeit hervor, das das Landwirtschaftsministerium einschlägige Gesetze und Verordnungen schafft oder erneuert sowie die Verwaltungspraxis entsprechend anpasst.

Der Verwaltungsaufwand und die mit den notwendigen Verfahren verbundene Papierflut schreckt nach Ansicht des Vorsitzenden des Verbandes der ökologischen Produzenten und Industrie (ORGÜDER), Ahmet Tiryakioglu, noch viele Produzenten ab, sich auf dem türkischen Markt zu engagieren. Auch er fordert deutliche Vereinfachungen und weist auf Fördermaßnahmen in anderen Ländern hin.

Die Türkei ist unterdessen zum größten Produzenten organisch angebauter Baumwolle weltweit geworden. In der Ernteperiode 2006/07 konnten nach Angaben der Organisation Organic Exchange mit 23.152 t über 61% mehr geerntet werden als in der voran gegangenen Saison. Der Marktanteil der türkischen Baumwollbauern beträgt in diesem Bereich 40%, gefolgt von Indien mit 32,4% und der VR China mit 7%. Etwa 85% der ökologisch angebauten Fasern werden für die Herstellung von Konfektionskleidung verwendet. Neben speziellen Marken wollen auch große Textilhersteller Kleidung aus Biofasern in ihr Programm aufnehmen. So sollen bis 2010 beziehungsweise 2012 rund 5% der von Firmen wie Nike, Timberland oder Marks&Spencer genutzten Fasern aus Betrieben der organischen Landwirtschaft stammen.

  

Kontaktanschriften: 

Ekolojik Tarim Organizasyonu Dernegi (ETO, Verband der ökologischen Landwirtschaft)
Akdeniz Cad. Akdeniz Ishani 5, Kat: 4, D. 415/9, Pasaport – Izmir
Tel.:             0090 232/446 08-27       ; -32
E-Mail: Internet: www.eto.org.tr

Organik Ürün Üreticileri ve Sanayicileri Dernegi (ORGÜDER, Verband der ökologischen Produzenten und Industrie)
Büyükdere Cad. 64, Somer Apt., Kat: 5, D: 13, Mecidiyeköy – Istanbul
Tel.:             0090 212/347 25-60       ; Fax: -70
E-Mail: Internet: www.orguder.org.tr

Bugday (Verband zur Förderung eines ökologischen Lebens)
Kemankes Cad., Akce Sok. 14, Karaköy – Istanbul
Tel.:             0090 212/252 52-55       ; Fax: -56
E-Mail: Internet: www.bugday.org

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